Der Einfluss der Pandemie auf Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen

Adipositas

Entwicklung des Übergewichts bei Kindern und Jugendlichen im Rahmen der SARS-CoV-2 Pandemie

Die Pandemie nimmt Einfluss auf viele Bereiche unseres Lebens, auch auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Neben psychischen Problemen, sind auch physische mehr als relevant und präsent. In diesem Artikel finden Sie eine Einschätzung unserer medizinischen Beraterin Henriette Hegermann zum Einfluss der Pandemie auf das Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen. 

Übergewicht bzw. starkes Übergewicht, auch als Adipositas bezeichnet, ist eine Volkskrankheit, bei der Deutschland einen zweifelhaften Platz unter den Top 10 der OECD-Länder innehat. Mit 23,6% lag die durchschnittliche Fettleibigkeit bei Erwachsenen im Jahr 2015 etwa 11,6% höher als noch zum Jahrtausendwechsel. Tendenz steigend (1).

Wenn man die Folgeerkrankungen betrachtet, die ein BMI von über 25 bzw. über 30 kg/m2 mit sich bringen kann, dann besteht in Anbetracht der Zahlen ein definitiver Grund zur Sorge. Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, reduzierte Lebenserwartung und -qualität sind nur die offensichtlichsten Risiken, die der erhöhte Körperfettanteil birgt.

Dementsprechend ist der Trend, den wir derzeit beobachten umso gefährlicher: Die zunehmende Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen. Studien zeigen, dass 2017 9,5% der unter 18-Jährigen übergewichtig und fast 6% sogar adipös waren (2). Fehlverhalten in Bezug auf Ernährung und Bewegung sowie die Nutzung elektronischer Medien gehören zu den gängigsten Gründen für diese Entwicklung.

Doch was passiert, wenn das soziale Leben eingeschränkt und zwangsläufig der Bewegungsradius von Kindern und Jugendlichen auf die eigenen vier Wände begrenzt werden muss? Die wenigen sozialen Kontakte per Social Media ablaufen und sogar Unterricht nur noch per Online-Meeting abgehalten wird?

Die Corona-Pandemie ist definitiv ein großer Einschnitt in das Leben aller Menschen, doch die Kleinsten unserer Gesellschaft leiden wahrscheinlich am meisten unter den derzeitigen Bedingungen. Jedes 3. Kind ist psychisch auffällig, ergab die COPSY-Studie, deren Ergebnisse im Februar 2021 veröffentlicht wurden (3).

Und auch auf die sowieso schon steigende Prävalenz des Übergewichts bei Kindern, hat das Leben unter SARS-CoV-2 Einfluss. Besonders der sozioökonomische Status scheint dabei relevant zu sein, denn schon davor war Übergewicht eher ein Problem der sozial benachteiligten Schicht (4). Schulessen fallen aus, das Geld für gesunde Nahrung wird knapp, Mittel für benötigte elektronische Medien fehlen und Menschen bleiben auf der Strecke. Mit der Unzufriedenheit könnte man meinen, steigt auch das Gewicht. Laut Forsa-Umfrage aus dem September 2020, ergab sich eine Gewichtszunahme von 27% bei Erwachsenen seit Pandemiebeginn und 9% bei Kindern. Kinder und Jugendliche, die eine Hauptschule besuchten, nahmen sogar zu 23% an Gewicht zu. Der Verzehr von sogenanntem Junkfood, wie Süßigkeiten, Chips und süßen Getränken, nahm zu und die Bewegung im Alltag ab (5).

Besonders besorgniserregend wirken diese Zahlen mit Hinblick auf das steigende Risiko für schwere Verläufe einer Covid-19 Erkrankung bei Menschen mit Fettleibigkeit. Viele Komorbiditäten, also zusätzlich vorliegende Erkrankungen, wie eine veränderte bzw. abgeschwächte immunologische Reaktion auf Bakterien und Viren, Störungen des Herzens oder der Atmung und chronisch vorliegende unterschwellige Entzündungsreaktionen, liegen sowohl bei Erwachsenen als auch Kindern und Jugendlichen im Zuge eines krankhaft erhöhten Gewichtes vor. Das Zusammenspiel aus diesen Faktoren könnte die unterschiedlich ablaufende Reaktion von Kindern auf die Infektion mit SARS-CoV-2 erklären, die normalerweise eher asymptomatische bis milde Verläufe zu präsentieren scheinen (6).

Insgesamt sind diese Entwicklungen alarmierend und besonders im Kontext der Vorsorge sollten Kinderärzt*innen jetzt auf die entsprechende Beratung in Sachen Ernährung und Bewegung achten. Folgeerkrankungen sollten früh erkannt und ihnen entgegengesteuert werden, damit die junge Generation in der Pandemie nicht noch weiter abgehängt wird.

Dabei kann der derzeitige gesellschaftliche Wandel in Richtung einer digitalisierten Welt auch Möglichkeiten bieten und speziell im Bereich der Krankheitsprävention und -supervision die Betreuung der Menschen trotz sozialer Distanz gewährleisten. Durch die omnipräsente Vernetzung kann eine effiziente und präventive Gesundheitsversorgung gewährleistet werden. Dabei helfen zum Beispiel eine vereinfachte interdisziplinäre Kommunikation zwischen Ärzt*innen und das zur Verfügung stellen einer Übersicht des Gesundheitsstatus durch die Nutzung von Patient*innen-Apps in der Praxis.

 

Quellen: 

  1. Übergewicht und Fettleibigkeit nach Ländern weltweit [Internet]. Statista. [zitiert 1. März 2021]. Verfügbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/153908/umfrage/fettleibigkeit-unter-erwachsenen-in-oecd-laendern/
  2. Förderschwerpunkt Prävention von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen [Internet]. Bundesgesundheitsministerium. [zitiert 1. März 2021]. Verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/kindergesundheit/praevention-von-kinder-uebergewicht.html
  3. Fast jedes dritte Kind ist psychisch auffällig [Internet]. BPTK. 2021 [zitiert 2. März 2021]. Verfügbar unter: https://www.bptk.de/fast-jedes-dritte-kind-ist-psychisch-auffaellig/
  4. Ärzteblatt DÄG Redaktion Deutsches. Corona begünstigt Gewichtszunahme sozial schwacher Kinder [Internet]. Deutsches Ärzteblatt. 2020 [zitiert 2. März 2021]. Verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/117486/Corona-beguenstigt-Gewichtszunahme-sozial-schwacher-Kinder
  5. PPT__EKFZ_und_Forsa_Final2.pdf [Internet]. [zitiert 2. März 2021]. Verfügbar unter: https://www.ekfz.tum.de/fileadmin/PDF/PPT__EKFZ_und_Forsa_Final2.pdf
  6. Nogueira-de-Almeida CA, Del Ciampo LA, Ferraz IS, Del Ciampo IRL, Contini AA, Ued F da V. COVID-19 and obesity in childhood and adolescence: a clinical review. J Pediatr (Rio J). 1. September 2020;96(5):546–58.

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